Zwöi Drittel vo de Quelle sind morn scho anderi
GEO ist das Modewort des Jahres, und in der Schweiz entstehen die Agenturen dazu im Monatstakt. Eine Einschätzung zur Beweislage, zu den Preisen und zur Frage, ob der Gegenstand überhaupt stillhält
GEO steht für Generative Engine Optimization. Gemeint ist das Versprechen, eine Firma so aufzustellen, dass ChatGPT, Gemini oder Perplexity sie in ihren Antworten nennen. Das Wort ist ungefähr zwei Jahre alt, in der Schweiz ist es seit dem Frühling allgegenwärtig, und es ist dabei, denselben Weg zu nehmen wie SEO vor fünfzehn Jahren.
Mit einem Unterschied: Bei SEO konnte man am Ende nachzählen. Hier ist noch offen, ob sich überhaupt zählen lässt.
Wir haben die Frage vor einigen Wochen selbst gemessen und dabei keinen messbaren Vorteil durch strukturierte Daten gefunden. Das war eine kleine Erhebung. Inzwischen gibt es mehr, und das Bild wird nicht freundlicher.
Wer verkauft das in der Schweiz?
Acht Anbieter haben wir gefunden, und das ist mit Sicherheit nicht die vollständige Liste. Die Preise, soweit publiziert:
| Anbieter | Sitz | Angebot | Preis |
|---|---|---|---|
| Aurora Intelligence | Zürich | Monitoring-Plattform | CHF 19 bis 499 im Monat |
| Digital Olymp | Aargau | Beratung und Monitoring | ab CHF 790 im Monat |
| anewera (Loaded AG) | Schlatt TG | Monitoring, auf Wunsch Umsetzung | CHF 290 bis 1’900 im Monat |
| ranQ (cohaga AG) | St. Gallen | Verzeichnis, Analyse, Monitoring | CHF 950 bis 6’710 im Jahr |
| SEOX | Kreuzlingen TG | Beratung und Umsetzung | ab CHF 1’800 im Monat |
| Beyondweb | Rotkreuz ZG | Sechswöchiger Sprint | ab CHF 10’000 einmalig |
| Collective Agency | Zürich | Audit und Betreuung | nicht publiziert |
| Your Sidekicks | Basel | Analyse und Beratung | nicht publiziert |
Die Spannweite ist das Erste, was auffällt: Für dieselbe Leistungsbeschreibung liegen zwischen 19 Franken im Monat und 10’000 Franken einmalig knapp drei Grössenordnungen.
Das Zweite ist, dass bei keinem einzigen Anbieter ein Startdatum des Angebots publiziert ist. Die frühesten eigenen Messdaten, die wir gefunden haben, stammen aus dem Juni 2026. Die ersten Medienberichte zu ranQ sind vom 31. März 2026. Das Feld ist also ungefähr ein halbes Jahr alt.
Was ist an Belegen vorhanden?
Das ist der Befund, auf den es ankommt.
Kein einziger der acht Anbieter legt eine Kundenfallstudie mit einer Vorher-nachher-Messung für KI-Sichtbarkeit vor.
Es gibt Zahlen, aber sie messen anderes. Ein Anbieter zeigt beeindruckende Steigerungen von 456 bis 1’770 Prozent, die durchwegs aus klassischem SEO und Google Ads stammen, nicht aus GEO. Drei Anbieter zeigen Zahlen zur eigenen Sichtbarkeit statt zu Kundenarbeit. Bei einem Anbieter stehen vier Fallstudien auf der Seite, bei denen jede einzelne Kennzahl als «+ 0 %» und «0 ×» erscheint, also als nicht ausgefüllter Platzhalter.
Eine unabhängige Prüfung gibt es bei keinem. Was wie eine Prüfung aussieht, sind Bewertungsportale, Partnerstatus bei Google oder Auszeichnungen ohne benannte Jury.
Zwei Konstruktionen verdienen eine eigene Erwähnung, und zwar ohne Vorwurf, weil beide offen daliegen. Die Loaded AG betreibt neben ihrem GEO-Angebot eine Vergleichsseite zu KI-Sichtbarkeits-Werkzeugen in der Schweiz, auf der das eigene Produkt auf Platz eins steht. Die Seite legt den Interessenkonflikt selbst offen und beschreibt sich als von KI-Agenten betrieben. Und cohaga verkauft mit ranQ Sichtbarkeit unter anderem über ein Firmenverzeichnis, das cohaga selbst betreibt und das nach eigener Angabe über 750’000 Schweizer Firmen enthält. In beiden Fällen ist der Beleg ein Teil des Produkts.
Was sagt die Forschung?
Fast jede GEO-Seite in der Schweiz führt früher oder später auf dieselbe Zahl: 40 Prozent mehr Sichtbarkeit. Sie stammt aus einer Arbeit von Forschenden der Princeton University und des IIT Delhi aus dem Jahr 2023. Zwei Dinge werden dabei nie mitzitiert.
Erstens wurde der Effekt überwiegend in einer selbst gebauten Suchmaschine gemessen, nicht in den Diensten, die man als Kunde im Sinn hat. Auf einer echten Plattform fielen die Werte deutlich kleiner aus.
Zweitens, und das ist der wichtigere Punkt: Es handelt sich um Umverteilung. Seiten, die auf Google an fünfter Stelle standen, gewannen durch das Zitieren von Quellen bis zu 115 Prozent. Die bestplatzierte Seite verlor im selben Test im Schnitt 30 Prozent. Der Kuchen wurde nicht grösser, er wurde anders verteilt, und zwar unter Quellen, die ohnehin schon abgerufen wurden.
Im Juli 2026 ist eine kritische Übersichtsarbeit über 45 Studien aus drei Jahren erschienen. Ihr Urteil ist deutlich: Keine der untersuchten Techniken zeige einen stabilen, über die Zeit und über mehrere Plattformen hinweg nachweisbaren Effekt. Die Aussage «GEO erhöht die Sichtbarkeit um 40 Prozent» verwirft die Arbeit ausdrücklich als allgemeine Behauptung. Für die Frage, ob Zitate in KI-Antworten zu Klicks, Abschlüssen oder Umsatz führen, vergibt sie das Vertrauensniveau «sehr tief».
Eine weitere kontrollierte Untersuchung fand, dass Formatierung, also Struktur und Gliederung, gar keinen messbaren Effekt auf die Zitierhäufigkeit hat. Und eine Auswertung von über 100’000 Antworten zeigte, dass der stärkste Einzelfaktor die Markenreife ist: Globale Marken tauchten in 73 Prozent der einschlägigen Antworten auf, etablierte mittlere Marken in 44 Prozent, kleine und Nischenmarken in 11 Prozent. Der Autor hält selbst fest, dass damit keine Kausalität gezeigt ist.
Hält der Gegenstand überhaupt still?
Das ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt, und es gibt dazu eine Schweizer Arbeit.
Ein Team der Universität St. Gallen hat von Ende Januar bis Ende März 2026 täglich gemessen, über vier Dienste, vier Branchen, 32 deutschsprachige Anfragen, von Schweizer Servern aus. Das Ergebnis: Die Quellen, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen genannt werden, überschneiden sich nur zu 34 bis 42 Prozent. Zwei Drittel sind am nächsten Tag andere.
Und jetzt der Teil, der die ganze Branche betrifft: Wenn man dieselbe Anfrage zehnmal innerhalb von 24 Stunden stellt, ist die Streuung praktisch gleich gross. Die Instabilität kommt also nicht daher, dass sich die Welt ändert. Sie ist Zufall.
Die Autoren rechnen vor, was das für eine Erfolgsmessung bedeutet. Eine einzelne Messung hat einen Standardfehler, den sie als «im Grunde nicht aussagekräftig» bezeichnen. Man braucht rund sieben Durchläufe pro Marke, um überhaupt etwas zu sehen, und zwei bis vier Wochen Aggregation für eine verlässliche Aussage über die Zeit.
Mehrere Schweizer Anbieter versprechen «erste Verbesserungen nach vier bis acht Wochen». Das ist ungefähr der Zeitraum, in dem man einen Effekt gerade erst vom Rauschen trennen kann. Genau ein Anbieter weist auf seinen Zahlen überhaupt eine Fehlerspanne aus.
Eine Offenlegung gehört dazu: Der Erstautor dieser St. Galler Arbeit ist laut Fussnote mit einem der acht oben genannten Anbieter verbunden. Das entwertet die Messung nicht, sie ist sauber dokumentiert. Aber es zeigt, wie klein dieses Feld ist. Von fünf einschlägigen Arbeiten ist eine unabhängig akademisch, eine firmenintern, eine plattformabhängig und eine mit Anbieterbezug.
Was heisst das für ein KMU?
Ich halte GEO nicht für Unsinn. Die Mechanik dahinter ist plausibel, und wer nirgends im Netz auffindbar ist, wird auch von einem Sprachmodell nicht genannt.
Aber die Lage ist diese: Ein halbes Jahr altes Angebotsfeld, keine Kundenbelege, eine Forschungslage, die den einzigen allgemein zitierten Effekt zurückweist, und ein Gegenstand, der sich innerhalb eines Tages zu zwei Dritteln verändert, ohne dass jemand etwas getan hätte.
Drei Dinge, die ich einem KMU raten würde.
- Messen Sie zuerst selbst, bevor Sie etwas kaufen. Nehmen Sie fünf Fragen, die Ihre Kundschaft wirklich stellen würde, und stellen Sie sie an drei Diensten. An fünf verschiedenen Tagen. Sie haben danach ein Gefühl für die Streuung, und das ist mehr, als die meisten Offerten mitliefern.
- Verlangen Sie eine Fehlerspanne. Wer Ihnen eine Zahl zur Sichtbarkeit zeigt und auf die Frage nach der Streuung keine Antwort hat, misst nicht, sondern schaut hin.
- Fragen Sie nach einer Kundenmessung, nicht nach der Eigenmessung des Anbieters. Wenn es keine gibt, ist das keine Schande in einem halbjährigen Markt. Aber dann ist es ein Versuch, und sollte als solcher budgetiert werden.
Und die ehrlichste Massnahme bleibt die unspektakulärste: Sorgen Sie dafür, dass es Sie im Netz überhaupt gibt, in Verzeichnissen, in Fachmedien, auf den Seiten Ihrer Partner. Wie Sie den Ist-Zustand ohne Werkzeug prüfen, steht in der Anleitung zur KI-Sichtbarkeit. Die Auswertung oben legt nahe, dass Markenreife der stärkste Faktor ist. Das ist genau der Hebel, den keine sechswöchige Massnahme kurzfristig bewegt.
Was ich nicht weiss
Ob diese Anbieter in zwei Jahren noch mithalten. Die Dienste, um die es geht, ändern ihre Abrufmechanik laufend, und eine Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass ein Vorteil erodiert, sobald ihn alle anwenden. Was heute wirkt, kann morgen wirkungslos oder schädlich sein. Ein dokumentierter Fall aus der Forschung: Eine rein auf Zitierfähigkeit optimierte Umschreibung senkte die Auffindbarkeit derselben Seite weiter oben in der Kette um rund 9 Prozent.
Das ist kein Argument gegen GEO. Es ist ein Argument gegen Jahresverträge.
Der Satz zum Mitnehmen
Solange sich die Antwort von heute auf morgen zu zwei Dritteln ändert, kaufen Sie keine Position. Sie kaufen eine Wahrscheinlichkeit.
Quellen
- Aggarwal, Murahari, Rajpurohit, Kalyan, Narasimhan, Deshpande, «GEO: Generative Engine Optimization», 2023/2024: arxiv.org/abs/2311.09735
- Martinez, «Optimizing Visibility in Generative Engines: A Critical Survey of Generative Engine Optimization (2023–2026)», Juli 2026: arxiv.org/html/2607.14035v1
- Schulte, Bleeker, Kaufmann (Universität St. Gallen), «Don’t Measure Once: Measuring Visibility in AI Search (GEO)», April 2026: arxiv.org/pdf/2604.07585
- Vishwakarma, Kumar, Jamidar (Sprinklr), «What Gets Cited: Competitive GEO in AI Answer Engines», Mai 2026: arxiv.org/html/2605.25517v1
- Kumar, «Generative Engine Optimization at Scale», Juni 2026: arxiv.org/abs/2606.20065
- Anbieterseiten: Aurora Intelligence, anewera, ranQ, SEOX, Beyondweb, Collective Agency, Your Sidekicks, Digital Olymp