AI chan nöd so kompliziert sii

Alli Artikel

Tools

Apertus 1.5 usprobiert

Das offene Schweizer Sprachmodell versteht jetzt auch Bilder. Was neu ist, wo es läuft und was es in Franken kostet.

Freitag, 7. August 2026 · F.S. · 5 Min. Lesezyt

Ein weit geöffnetes Fenster mit Fensterläden, dahinter eine Bergkette mit Sonne.

Als Apertus im September 2025 herauskam, war die häufigste ehrliche Reaktion in Schweizer IT-Abteilungen: schön, dass wir das haben, aber im Alltag nehmen wir weiterhin das amerikanische Modell. Das war keine Böswilligkeit, sondern eine Leistungsfrage. Version 1.5, veröffentlicht am 24. Juli 2026 von der ETH Zürich, der EPFL und dem Schweizerischen Hochleistungsrechenzentrum CSCS, verschiebt diese Rechnung spürbar.

Was neu ist

Die drei Änderungen, die im Betrieb tatsächlich etwas ausmachen:

  • Bilder. Apertus versteht jetzt nativ Bilder, also Dokumente, Diagramme und Fotos. Gesprochene Sprache ist ebenfalls dabei, allerdings als experimentelle Funktion. Damit ist der eingescannte Lieferschein plötzlich verarbeitbar, ohne dass man vorher eine separate Texterkennung dazwischenhängt.
  • Kontext. Das Kontextfenster wächst auf 262’144 Token, das Vierfache von Version 1.0. Das ist die Schwelle, ab der man einen ganzen Vertragsordner oder ein Jahr Sitzungsprotokolle am Stück hineingeben kann, statt vorher zu zerstückeln und die Teilergebnisse wieder zusammenzusetzen.
  • Grössen. Neben den Modellen mit 8 und 70 Milliarden Parametern gibt es neu eine Mini-Suite mit 16 kompakten Modellen. Das ist der Teil, der für KMU interessant ist: kleine Modelle laufen auf Hardware, die man besitzt statt mietet.

Dazu kommen ein optionaler Reasoning-Modus, bessere Befolgung von Anweisungen und verbesserte Unterstützung für Werkzeugaufrufe, also für Anbindungen an eigene Systeme. Die Lizenz ist Apache 2.0, kommerzielle Nutzung ausdrücklich eingeschlossen. Ein technischer Bericht mit Benchmarks war zum Erscheinungszeitpunkt angekündigt, aber noch nicht publiziert. Wer harte Leistungsvergleiche braucht, muss sich also noch gedulden oder selber messen.

Wo es läuft

Vier Wege, in aufsteigender Reihenfolge des Aufwands:

  1. Ausprobieren ohne alles. Über die Chatoberfläche von Public AI, dem offiziellen internationalen Deployer von Apertus. Für einen ersten Eindruck reicht das, und es kostet nichts.
  2. Über die Entwicklerplattform von Public AI. Dort ist das Modell unter der Kennung swiss-ai/apertus-v1.5-8b geführt. Jeder neue API-Schlüssel startet auf der kostenlosen Stufe mit 100 Anfragen pro Minute, abgerechnet wird über ein Guthaben. Für einen Prototyp ist das der schnellste Weg. Für Personendaten ist es der falsche, weil der Serverstandort nicht als Schweiz ausgewiesen ist.
  3. Bei einem Schweizer Anbieter. Infomaniak führt Apertus v1.5-70B im Angebot seiner AI Services, gehostet in Schweizer Rechenzentren, mit einer OpenAI-kompatiblen Schnittstelle. Anfragen werden laut Anbieter weder gespeichert noch zur Verbesserung der Dienste verwendet, und das Unternehmen sichert die Einhaltung von DSG und DSGVO zu. Swisscom verarbeitet und speichert die Daten seines Swiss AI Assistant nach eigenen Angaben vollständig in Schweizer Rechenzentren und hat Apertus für künftige Versionen angekündigt.
  4. Selbst betreiben. Die Gewichte liegen offen auf Hugging Face. Ein Modell aus der Mini-Suite läuft auf einer einzelnen professionellen Grafikkarte, das 8B-Modell braucht mehr, das 70B-Modell deutlich mehr.

Was es kostet

Das Modell selbst kostet nichts, die Lizenz erlaubt kommerzielle Nutzung. Bezahlt wird die Rechenleistung. Die einzigen Zahlen, die in dieser Diskussion wirklich zählen, sind die in Franken:

Infomaniak verrechnet für Apertus v1.5-70B CHF 0.70 pro Million Token Eingabe und CHF 2.50 pro Million Token Ausgabe. Zum Vergleich im selben Angebot: Mistral-Small liegt bei CHF 0.20 und CHF 0.75, Qwen 3.5-122B bei CHF 0.40 und CHF 3.20, Nemotron-3-Nano bei CHF 0.05 und CHF 0.20. Apertus ist also nicht die billigste Option, aber auch nicht die teuerste.

Rechnen wir das durch, weil abstrakte Tokenpreise niemandem helfen. Eine A4-Seite Fliesstext sind rund 700 Token. Wer tausend Seiten Vertragstext durch das Modell schickt und zu jeder Seite eine kurze Zusammenfassung von etwa 150 Token zurückbekommt, zahlt:

  • Eingabe: 700’000 Token, also CHF 0.49
  • Ausgabe: 150’000 Token, also CHF 0.38
  • Total: rund 87 Rappen.

Tausend Seiten, unter einem Franken, auf Schweizer Infrastruktur. Der Kostenpunkt ist bei den meisten KMU-Anwendungen nicht mehr das Argument. Das Argument ist die Zeit, die es braucht, den Prozess drumherum zu bauen.

Swisscom bietet mit dem Swiss AI Assistant ein fertiges Produkt statt einer Schnittstelle, in der Essential Edition ab CHF 149 pro Monat für bis zu 10 Mitarbeitende, als Flatrate und mit kostenloser Testphase. Das ist der Weg für Betriebe, die keine Entwicklung machen wollen.

DSG-Blick: was sich damit ändert

Das revidierte Datenschutzgesetz verbietet die Bekanntgabe von Personendaten ins Ausland nicht, es verlangt eine Grundlage dafür. In der Praxis heisst das: Vertragsklauseln, eine Prüfung des Empfängerlandes, eine Dokumentation. Wer ein offenes Modell auf Schweizer Infrastruktur betreibt, hat diesen ganzen Zweig nicht. Die Daten verlassen das Land nicht, also gibt es keine Bekanntgabe ins Ausland zu rechtfertigen.

Das ist der eigentliche Wert von Apertus für Schweizer Betriebe, und er ist grösser bei Treuhand, Gesundheit, Verwaltung und HR als bei Marketing.

Zweiter Punkt, der selten genannt wird: Weil die Gewichte offen sind, ist das Modell versionierbar. Man kann festhalten, dass eine Entscheidung im März mit exakt diesem Modellstand getroffen wurde. Bei einem gehosteten Modell, das im Hintergrund aktualisiert wird, kann man das nicht. Wer in einem regulierten Umfeld arbeitet und irgendwann erklären muss, wie ein Ergebnis zustande kam, wird diesen Unterschied zu schätzen wissen.

Ein Testplan, der etwas beweist

Benchmarks sagen wenig über den eigenen Betrieb. Drei Aufgaben, mit denen man in einem halben Tag herausfindet, ob Apertus für die eigene Arbeit taugt:

  1. Das eingescannte Dokument. Nehmen Sie einen fotografierten Lieferschein oder eine Rechnung in schlechter Qualität und lassen Sie Lieferant, Datum, Positionen und Betrag als strukturierte Liste herausziehen. Das prüft die neue Bildfähigkeit an einem Fall, den jeder Betrieb hat.
  2. Der lange Ordner. Geben Sie zwanzig Sitzungsprotokolle am Stück hinein und fragen Sie nach allen Beschlüssen, die eine Frist enthalten. Das prüft, ob das grosse Kontextfenster im Alltag hält, was es verspricht.
  3. Die Landessprache. Lassen Sie einen deutschen Fachtext auf Französisch übersetzen und danach den französischen Text wieder auf Deutsch. Was am Ende herauskommt, zeigt sehr schnell, wie belastbar das Modell in der Mehrsprachigkeit ist, und das ist in der Schweiz keine Kür.

Der Punkt bei allen dreien: Nehmen Sie eine Aufgabe, die Sie heute aus Datenschutzgründen keinem Sprachmodell geben. Genau die ist der Test, der etwas beweist. Alles andere ist Benchmarking.

Fazit

Apertus 1.5 ist nicht das beste Modell der Welt, und das ist auch nicht sein Zweck. Es ist das beste Modell, das man in der Schweiz vollständig selbst betreiben kann, ohne eine Bekanntgabe ins Ausland begründen zu müssen. Für den grössten Teil dessen, was in einem KMU wirklich anfällt, reicht das nicht nur, sondern es ist die klarere Lösung.


Quellen


Meh us «Tools»