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S Radio, wo kes Studio het

In Schaffhausen moderiert seit dem 1. Juli eine KI ein ganzes Lokalradio. Fünf Lehren aus dem Versuch, die für jedes KMU gelten.

Freitag, 7. August 2026 · F.S. · 5 Min. Lesezyt

Ein Radiomikrofon auf einem Tischstativ, dahinter ein leerer Bürostuhl.

Seit dem 1. Juli 2026 sendet in der Ostschweiz auf DAB+ ein Radio, das kein physisches Studio hat. Radio Schaffhuuse gehört zur Verlag Schaffhauser Bock AG und ergänzt dort ein Portfolio, das bisher aus dem gedruckten Schaffhauser Bock und dem Onlineportal Schaffhausen24 bestand. Die Moderationen kommen vollständig aus einer künstlichen Stimme. Menschen entscheiden, was gesagt wird. Eine Maschine sagt es.

Man kann darüber die Nase rümpfen. Man kann sich auch anschauen, was dabei tatsächlich passiert, denn hier macht ein mittelgrosses Schweizer Medienhaus öffentlich das, was viele Betriebe gerade intern und leiser probieren: einen Prozess automatisieren, der bisher an einer Person hing.

Was da genau läuft

Hinter dem Projekt steht der Unternehmer und Verleger Giorgio Behr, die Projektleitung hat Lara Gansser. Gesendet wird über DAB+ auf Kanal 5D in der Ostschweiz sowie über einen Webplayer. Die Beiträge basieren laut Verlag auf journalistisch verfassten oder geprüften Texten, die per KI als Audio aufbereitet werden. Im April 2026 wurde dafür eine Redaktion aufgebaut. Alle Kanäle laufen unter der Dachmarke shmedien.

Die Quellen sind nicht das offene Internet. Gansser hält im SRF-Beitrag fest, das Radio ziehe sich die Artikel nicht einfach aus dem Netz: die Quellen seien Schaffhausen24, eigene Podcasts oder Partner. Vor der Publikation steht eine menschliche Prüfung. Ihre eigene Stimme hat sie für die Wetterprognose zur Verfügung gestellt und beschreibt das Resultat mit einem Satz, den vermutlich jeder nachvollziehen kann, der sich zum ersten Mal synthetisch gehört hat: es sei ein bisschen wie beim Abhören der eigenen WhatsApp-Sprachnachricht.

Lehre 1: Der Engpass ist nicht das Modell, sondern die Quelle

Das Interessanteste an diesem Projekt ist, wie viel davon nicht KI ist. Eine Redaktion, die aufgebaut werden musste. Definierte Quellen. Eine Freigabe vor der Publikation. Die Sprachsynthese ist der letzte, billigste Schritt in einer Kette, deren teure Glieder alle aus Menschen und Prozessen bestehen.

Für ein KMU heisst das: Wer eine Sprach- oder Textautomatisierung plant und die Frage «woher kommen die Inhalte, und wer gibt sie frei» nicht beantworten kann, hat noch kein Projekt, sondern eine Demo. Die Reihenfolge ist immer gleich: erst die Quelle, dann die Freigabe, dann das Modell.

Lehre 2: Die Aussprache ist ein Schweizer Sonderproblem

Der zentrale Kritikpunkt im SRF-Beitrag betrifft nicht die Inhalte, sondern die Aussprache: Ortsnamen und Namen von Politikerinnen und Politikern kommen mechanisch und teilweise falsch heraus. Wer schon einmal einem internationalen Sprachmodell «Küsnacht», «Ruswil» oder «Neuhausen am Rheinfall» in den Mund gelegt hat, weiss, warum.

Das ist kein exotisches Detail, sondern die häufigste Stelle, an der Sprach-KI in der Schweiz auffliegt. Ein Telefonassistent, der den Familiennamen der Anruferin falsch betont, verliert in zwei Sekunden mehr Vertrauen, als der Rest des Gesprächs aufbauen kann. Wer Sprachausgabe einsetzt, braucht deshalb eine gepflegte Ausspracheliste für Orte, Namen und Fachbegriffe. Die meisten seriösen Systeme unterstützen dafür Lexikoneinträge oder eine phonetische Schreibweise. Das ist Handarbeit, sie fällt einmal an, und sie ist der Unterschied zwischen «geht» und «peinlich».

Lehre 3: Kennzeichnung kommt sowieso, also besser freiwillig

Beim Webplayer ist die KI-Herkunft ausgewiesen. Über DAB+ ist sie es nicht. Marc Liebenberg, Präsident des Schaffhauser Pressevereins, fordert im SRF-Beitrag, die Hörerschaft müsse wissen, dass das Werkzeug eingesetzt werde, und das gehöre transparent an den Anfang und ans Ende einer Sendung.

Seit dem 2. August 2026 ist diese Diskussion nicht mehr nur eine über Anstand. Die Transparenzpflichten des EU AI Act sind in Kraft, und wer künstlich erzeugte Inhalte veröffentlicht, muss sie kennzeichnen. Für ein regionales DAB-Signal aus Schaffhausen ist der EU-Bezug diskutabel. Für die Website, den Podcast und die Social-Media-Ausspielung ist er es weniger.

Die Lehre daraus ist allgemein: Wer eine Kennzeichnung erst einbaut, wenn sie eingefordert wird, baut sie unter Druck ein, meist schlecht und immer sichtbar spät. Wer sie von Anfang an mitdenkt, verkauft dieselbe Zeile als Haltung. Es ist derselbe Satz. Der Unterschied ist der Zeitpunkt.

Lehre 4: Eine geklonte Stimme ist eine Personalfrage

Dass die Projektleiterin ihre eigene Stimme hergibt, ist sympathisch und praktisch. Es ist aber auch der Punkt, an dem die meisten Betriebe unvorbereitet sind. Eine Stimme ist ein Persönlichkeitsmerkmal. Wer die Stimme einer Mitarbeiterin klont, braucht eine Einwilligung, die den Zweck, die Dauer und den Fall der Kündigung regelt. Was passiert mit dem Stimmmodell, wenn die Person das Unternehmen verlässt? Wer darf damit was einsprechen lassen? Und was, wenn sie ihre Einwilligung zurückzieht?

Das sind zwei Absätze in einer Vereinbarung. Sie zu schreiben dauert eine Stunde. Sie nicht zu schreiben kann später sehr unangenehm werden.

Lehre 5: Testbetrieb ist ein Format, kein Feigenblatt

Der Verlag nennt das Ganze ausdrücklich einen öffentlichen Testbetrieb. Das ist mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Es setzt die Erwartung, es lädt zu Kritik ein, und es erlaubt, Dinge zu ändern, ohne dass es nach Rückzug aussieht.

Genau das fehlt in vielen KMU-Projekten. Der Chatbot geht live, wird als fertig kommuniziert, und wenn er nicht taugt, verschwindet er still. Wer stattdessen sagt «wir testen bis Ende Oktober, dann entscheiden wir», bekommt drei Dinge geschenkt: Nachsicht, Rückmeldungen und einen Ausstieg ohne Gesichtsverlust.

Und, taugt es?

Das kann nach fünf Wochen niemand seriös beurteilen, und die Frage ist auch nicht die interessanteste. Interessanter ist, dass hier ein Schweizer Verlag mit überschaubaren Mitteln ein Angebot betreibt, das ohne Automatisierung schlicht nicht finanzierbar wäre. Die Alternative zum KI-Radio in Schaffhausen war nie ein Radio mit Menschen am Mikrofon. Die Alternative war kein Radio.

Das ist die Rechnung, die auch in vielen Gewerbebetrieben aufgemacht wird: nicht Mensch gegen Maschine, sondern Angebot gegen kein Angebot. Und die Antwort darauf hängt weniger vom Modell ab als von der Frage, ob man die Aussprache der Dorfnamen hinkriegt.


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